Abschied von Prof. Dr. Rainer Hoehne

Veröffentlicht am 15. Mai 2026von

Rainer Hoehne starb am 6. Januar 2026

Unvergessen bleibt mir ein Vortrag von ihm zum Thema Entwicklung, Lernen und Wachsen aus Neurophysiologischer Sicht. Er stellte zur Verblüffung aller ein Glas mit lebenden Fischen auf den Overheadprojektor, um am lebenden Beispiel sehr überzeugend Bedingungen für eine gesunde Entwicklung zu erläutern. Die Fische haben überlebt, wie er hinterher glaubhaft versicherte.
Dieses Beispiel zeigt seine immer lebendige Vortragsweise, sein großes Interesse und Engagement für die Belange von Kindern und Jugendlichen mit besonderen Bedarfen und ihren Familien.

Rainer Hoehne wurde am 12. Februar 1939 in Hamburg geboren. Er studierte Medizin und Sozialwissenschaften in Freiburg/Br., Wien und Berlin und promovierte an der FU Berlin. Seine Facharztausbildung in Pädiatrie und Kinderneurologie absolvierte er in Hamburg, Ulm und München. Ab dem Jahr 1974 arbeitete er als Sozialpädiater im Werner-Otto-Institut in Hamburg (WOI), vielen der norddeutschen Kolleg*innen aus dieser Zeit bekannt. 1980 erfolgte die Berufung als Professor für Sozialpädiatrie an die Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Fachbereich Sozialwesen, in Lüneburg. Seine Arbeitsschwerpunkte lagen schon früh in der Behindertenhilfe, der stationären Betreuung sowie der Qualitätsentwicklung sozialer Einrichtungen. Später war er auch im Umfeld der neu gegründeten Leuphana Universität Lüneburg tätig, unter anderem als Gutachter und Zweitgutachter von Dissertationen sowie als fachlicher Ansprechpartner in sozialwissenschaftlichen Kontexten. Während seiner langjährigen Professur in Lüneburg mit intensiver Tätigkeit in Lehre, Forschung und akademischer Selbstverwaltung prägte er Generationen von Studierenden und wirkte an der fachlichen Profilbildung des Studienbereichs Sozialwesen mit.

Auch noch im Ruhestand war er weiterhin hoch engagiert in verschiedenen Fachverbänden, wie im wissenschaftlichen Beirat des Bundesverbandes „autismus“ oder der Wissenschaftsgruppe der Vereinigung der Bobath-Therapeuten Deutschlands e.V. (1994-2004).

Ein besonderes Interesse galt dem Thema Integration von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung, heute würde ich es Inklusion nennen, sowie der Beschäftigung mit dem Phänomen autistischer Störungen, in der Vermittlung des Konzeptes nach Bobath sowie in kritischen Überlegungen zu Therapien insgesamt.

Schon früh überwand er die medizinische Hierarchie, legte Wert auf interdisziplinären Austausch mit den Fachleuten, die näher an den Patienten bzw. betroffenen Menschen waren. So wurde er im WOI öfter in der Stationsarbeit gesehen, um diese Abläufe kennen- und verstehen zu lernen. Familien bezog er immer in seine Beratungen ein, und das nicht nur im WOI. Er ging auch in das Umfeld der Kinder und Jugendlichen, suchte sie in ihren Kindertagesstätten, Schulen, Heimen oder im häuslichen Umfeld auf, suchte den Austausch mit den Familien und Fachleuten.

Uns Bobath-Therapeut*innen ist er vielen noch gut als begleitender Arzt im Bobath-Kurs in Bremen und als Referent auf unseren Bobath-Tagungen in Erinnerung. Mit seinem unglaublichen Charme, mit seiner Ruhe und Geduld, seinem hohen Fachwissen, seinem vernetzten Denken und seinem starken beruflichen Engagement zog er so manche in seinen Bann. Doch er konnte mit seinen Vorträgen auch provozieren. Immer forderte er uns heraus, uns niemals auszuruhen, sondern immer in Bewegung zu bleiben, die eigene Arbeit zu reflektieren und den Blick nach vorne zu richten, neugierig auf Neues zu sein. Ich denke nur an Titel wie: „Ein rückwärtsgewandter Blick grenzt ein – über den Umgang mit Diagnosen“, (in: Gemeinsamkeit macht stark, Unterschiedlichkeit macht schlau! 20 Jahre integrative Bildung und Erziehung in evangelischen Tageseinrichtungen für Kinder in Bremen, 2000). „Frühe Krankengymnastik – überschätzte Therapie, überforderte Therapeuten?“ (in: Frühförderung Interdisziplinär, 3.Jg., 1984).

Sein Anspruch an gesellschaftliche Verantwortung und professionelle Arbeit ließ ihn u.a. auch an einer Hospitationswoche im Istituto Anna Torrigiani in Florenz 1991 teilnehmen, um die „italienischen Verhältnisse“ kennenzulernen. Italien hatte sich mit Prof. Milani-Comparetti und dem Psychologen Ludwig-Otto Roser schon früh auf den Weg gemacht, die institutionellen Behinderteneinrichtung aufzulösen. In der Psychiatrie war das schon früher geschehen. Die Erfahrungen dieser Woche prägten sein weiteres Denken und Handeln. Meines im Übrigen auch. Denn auch ich hatte eine Einladung an dieser spannenden Woche teilzunehmen.

Zum Schluss noch ein paar Worte zu der wissenschaftlichen Arbeitsgruppe der Bobath-Vereinigung. Sie wurde 1994 während der Tagung in Augsburg gegründet, um sich gründlich mit dem Bobath-Konzept auseinanderzusetzen, da die Erfahrungen der Praxis kaum noch mit den wissenschaftlichen Erklärungsmodellen des Konzepts in Einklang gebracht werden konnten. Rainer Hoehne war als Sozialpädiater ein tragendes Mitglied der Gruppe, vertrat dort intensiv das mittlerweile vertraute systemisch-ökologische Modell der Funktionen des ZNS. Ja, die intensive Zusammenarbeit in der Wiss-Bo Nord (im Kern: Rainer Hoehne, Alfons Welling, Gisela Ritter, Barbara Forst) war beeindruckend und ist wichtiger Teil unseres Lebens und damit auch unserer Berufsfreundschaft geworden. Unsere Treffen in Alhaurin (Spanien), im Allgäu, in Hamburg und Lüneburg bleiben unvergessen. Zum Schluss haben wir es sogar zu einem kleinen Chorauftritt auf der Jubiläumsfeier von Gisela Ritter 2007 in Haus Hammerstein im Bergischen Land geschafft.

Rainer Hoehne hat durch sein Wirken, seine Haltung und seine Menschlichkeit viele Menschen und uns Bobath-Therapeut*innen geprägt. Sein Andenken wird uns begleiten.

(Barbara Forst, Physiotherapeutin, Bobath-Therapeutin)